Pfau und Lerche

Pfau und Lerche

Von Pfarrer Armin Nagel am 5. März 2021

Impuls für die 3. Fastenwoche

Gedanke

Der Adler hörte einst, dass die Nachtigall sehr gerühmt wurde, und er wollte Gewissheit haben, ob alles auf Wahrheit beruhe. Darum schickte er den Pfau und die Lerche aus: sie sollten das Federkleid der Nachtigall betrachten und ihren Gesang belauschen. Als sie wiederkamen, sprach der Pfau: „Der Anblick ihres erbärmlichen Kittels hat mich so verdrossen, dass ich ihren Gesang gar nicht gehört habe.“ Die Lerche sprach: „Ihr Gesang hat mich so entzückt, dass ich vergaß, auf ihr Federkleid zu achten.“

So erlebe ich das manchmal auch. Da begegne ich jemandem und irgendetwas stört oder irritiert mich vom ersten Augenblick an: Wie er angezogen ist, wie er redet oder sich bewegt. Er entspricht nicht meinen Vorstellungen. Und ich bin so voreingenommen, dass anderes an ihm gar nicht zur Geltung kommt. Getrübte Wahrnehmung meinerseits von Anfang an. Manchmal kann ich das erst nach der zweiten oder dritten Begegnung korrigieren. Aber auch das Gegenteil ist mir schon passiert. Jemand fasziniert mich vom ersten Augenblick an. Er zieht mich so in seinen Bann, dass ich ihm die eine oder andere Schwäche, die mir im Laufe der Zeit auffällt, verzeihe und mit einem Augenzwinkern darüber hinweggehe.

Die kleine Geschichte kann mir also sagen: Mach dich nicht selbst zum Maßstab für andere und urteile nicht vorschnell. Denn es könnte sonst sein, dass du beim anderen etwas Schönes und Wunderbares übersiehst, was sich erst auf den zweiten Blick zeigt.

Bibelstelle (Mt 7,1-5)

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

 Gebet

Herr Jesus Christus, du hast dich nie vom ersten Eindruck blenden lassen und vorschnell geurteilt. Auch die Schwächen der Menschen hast du nicht schonungslos offengelegt und ausgenützt, sondern mit Liebe und Erbarmen betrachtet. Wir wollen dir auf diesem Weg folgen. Wir wollen lernen, nicht allzu schnell zu urteilen und zu richten, sondern zu sehen, zu hören und wahrzunehmen, wie andere Menschen sind. Damit wir nicht blind sind für das, was in den Anderen von uns erst noch entdeckt werden will und was unseren Augen auf den ersten Blick oft verborgen bleibt. Darum bitten wir dich, unseren Bruder und unseren Herrn in Ewigkeit. Amen.